Migrationssensible Hilfen zur Erziehung

„Migrationssensible Hilfen zur Erziehung“ stellen eine konkret lebensweltorientierte und zielgruppenspezifische, wirksame Spezialisierung innerhalb der ambulanten Hilfen nach §§ 30 und 31 SGB VIII dar. Sie reagieren konzeptionell und methodisch auf den Wandel und die Diversifizierung der Zielgruppen – Lebens- und Entwicklungsbedingungen von Kindern und Familien im Kontext Flucht und Migration unterscheiden sich in vielfacher Hinsicht von denen der Mehrheitsgesellschaft.
Abgesehen von Sprache betreffen diese Unterschiede kulturelle oder religiöse Orientierungen, die sich auf Rollenbilder und Erziehungsstile auswirken, dazu grundsätzliche Sozialisationserfahrungen, die Handlungsstrategien und Lösungsmuster beeinflussen, sowie Gewalt- und Verlusterfahrungen mit psychosozialen Folgen. Für einen effektiven Hilfeprozess müssen sie erkannt und berücksichtigt werden, ebenso wie Herausforderungen im „hier und jetzt“ etwa rechtliche Unsicherheiten, soziale Belastungen, Hürden im Bildungssystem oder familiäre Dynamiken.
Ein zentrales Phänomen, das Krisen in Familien verschärfen kann, ist der starke Kompetenz- und Statusverlust der Eltern im Aufnahmeland. Er führt zu einer migrationsspezifischen Form der parentalen Hilflosigkeit: Eltern erleben sich als handlungsunsicher und verlieren Vertrauen in die eigene Erziehungskompetenz. Ihre Kinder übernehmen überfordernde Rollen als Dolmetscher, Vermittler oder „Manager“ der Familie. Diese Dynamiken sind hoch belastend und oft ursächlich für Probleme, auf die mit der Installation von Hilfen reagiert werden muss.

Aufgrund des Kontextwissens, der Sprach- und Kulturkompetenzen und des migrationssensiblen Fallverstehens unserer Fachkräfte können diese Problemzusammenhänge bestmöglich erkennen und bearbeiten, was Eskalationen von Hilfebedarfen oder Hilfeabbrüche verhindert und die Wirksamkeit und Effektivität von Hilfeprozessen erhöht.
Denn unsere „Migrationssensiblen Hilfen zur Erziehung“ basieren auf einem differenzierten Fallverstehen, das migrationsspezifische Prozesse und Belastungen nicht als Randaspekt, sondern als zentralen Kontext familiärer Problemlagen begreift. Dadurch werden auch teils verdeckte Ursachen von Überforderung, Vernachlässigung oder Konflikten sichtbar. Für den ASD kann auch dadurch eine fundierte Grundlage für Anamnese, Hilfeplanung und Verlaufseinschätzung bereitgestellt werden.
Ein wesentlicher Qualitäts- und Effizienzfaktor migrationssensibler Hilfen ist der Einsatz muttersprachlicher und auf die Herkunfts- und Sozialisationskontexte spezialisierter Fachkräfte. Der Verzicht auf externe Dolmetscher reduziert Informationsverluste, Verzerrungen und Missverständnisse, aber auch Kosten. In sensiblen Bereichen wie Erziehungsvorstellungen, familiären Konflikten, Ängsten vor und Misstrauen gegenüber Behörden oder Fragen des Kindeswohls ist eine direkte Kommunikation in der Erstsprache entscheidend für Vertrauen und Offenheit. Die Fachkräfte werden von den Eltern als entlastend wahrgenommen, da sie deren Werte, Normen und Handlungslogiken kennen und verstehen. Das erleichtert den Zugang und erhöht die Kooperativität. Dies gilt auch für kulturspezifische Vorstellungen zu psychischer Krankheit und damit verbundene Tabus, die bearbeitet werden müssten.
Zudem können problematische oder gefährdende Aspekte in der Familie schlechter verdeckt und Kultur oder Religion nicht als Legitimationsrahmen für abzustellende Verhaltensweisen vorgeschoben werden. Für den ASD bedeutet dies eine höhere Qualität der Informationslage, eine realistischere Einschätzung von Risiken und Ressourcen im Hilfeverlauf sowie eine verbesserte Mitwirkung seitens der Familien.

Methodisch arbeiten migrationssensible Hilfen konsequent lebensweltorientiert und aufsuchend. Erziehungsunterstützung erfolgt im konkreten Alltag der Familien. Konflikte um Schule, Mediennutzung, Grenzsetzung oder Rollen werden gemeinsam analysiert und bearbeitet. Kulturelle und religiöse Orientierungssysteme werden ernst genommen, ohne sie unkritisch zu übernehmen. Ziel ist es, Eltern in ihrer Rolle zu stärken und ihnen zu vermitteln, dass sie handlungsfähig sind – auch unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen.
Kinder und Jugendliche erhalten innerhalb migrationssensibler Hilfen eigene Schutz- und Gesprächsräume. Loyalitätskonflikte, Überforderungsgefühle und Performanzdruck von Gleichaltrigen (Ehre u.ä.) können verständig thematisiert werden, zugleich Kinder in ihrer Verantwortung für das Familiensystem entlastet werden. Bildungsintegration, Übergangsbegleitung und sozialräumliche Anbindung, etwa an Vereine und pädagogische Räume wie Jugendtreffs, sind feste Bestandteile der Hilfe und tragen dazu bei, Entwicklungsrisiken frühzeitig zu reduzieren.
Migrationssensible Hilfen zur Erziehung sind ein fachlich fundiertes, steuerbares und verlässliches Instrument für eine wirksame Ausgestaltung des gesetzlichen Auftrags der Kinder- und Jugendhilfe für eine spezifische Zielgruppe. Für den ASD bieten sie strukturelle Vorteile. Durch kultursensible Kommunikation und Methodik und das vertiefte Verständnis der familiären Hintergründe, auch weiterer Verwandschaftsnetze und „Großfamilie“, sowie ethnischer und religiöser Bezüge, sind ein stabiler Beziehungsaufbau und weniger Eskalationen von Problemlagen zu erwarten. Hilfeverläufe werden klarer strukturiert, zielgerichtet gesteuert und können häufig in kürzerer Zeit nachhaltige Stabilisierung erreichen. Dies wirkt präventiv gegenüber kostenintensiveren Maßnahmen wie vermeidbaren Inobhutnahmen, wiederholten Hilfeabbrüchen oder stationären Unterbringungen.

Die „Migrationssensiblen Hilfen zur Erziehung“ werden von einem interdisziplinären und multiprofessionellen Team unterstützt, das u.a. einen Kommunikationspsychologen, eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, Kriminologen und Anti-Gewalt-Trainer sowie Regionalwissenschaftler und einen Theologen und Imam umfasst. Zusätzlich steht zur Unterstützung die Fach- und Beratungsstelle Gewalt- und Radikalisierungsprävention zur Verfügung.

Unsere Fachkräfte sprechen Arabisch, Kurdisch, Englisch (z.B. Nigeria) und Türkisch, wir bearbeiten zudem bei Bedarf Fälle in Tigrinya (Eritrea) und Dari (Afghanistan).

Ansprechpartner
Abdulrahman Al Ibrahim (Team Migrationssensible HzE)
abdulrahman.alibrahim[at]hal-jw.de, 01520 20023-92

Hans Goldenbaum (Bereichsleitung, Hallesche Jugendwerkstatt gGmbH)
hans.goldenbaum[at]hal-jw.de, 01520 20023-93

Petra Meske (SCHIRM-Verwaltung)
petra.meske[at]hal-jw.de, 0345 225802-72

Zum Inhalt springen
nach oben springen