
Irritationen. Antisemitismuskritische Bildungsarbeit
„Irritationen.“ ist ein zielgruppenspezifisches, niedrigschwelliges Bildungsangebot, das antisemitische Bilder und Narrative nicht schlicht konfrontiert oder „widerlegt“, sondern ihre Attraktivität im jeweiligen Lebenskontext analysiert und pädagogisch bearbeitet. Ziel ist dabei eine Pädagogik der Irritation: In alltagsnahen Situationen, Gesprächen und Übungen werden irritierende Perspektivwechsel ermöglicht, die angeeignete Erklärungen und Deutungsmuster verunsichern, ohne Teilnehmende bloßzustellen oder zu beschämen.
Das Projekt verbindet dabei drei Wirkprinzipien: 1. Teilnehmendenorientierung und Multiperspektivität im Sinne von Lernsettings, die Beziehung, Perspektivwechsel und Ambivalenzen ermöglichen, um Ambiguitätstoleranz zu erreichen, 2. dialogorientierte Praxis, also das Schaffen von Gesprächsräumen, in denen Erfahrungen ernst genommen und Annahmen sowie Positionen, nicht Personen konfrontiert werden, und 3. Emotionssensibilität im Sinne des Mitdenkens von Bedürfnissen und Emotionen, die antisemitische Deutungsmuster und Diskurse, die das „Ticketdenken“ allgemein für Einzelne attraktiv machen.
„Irritationen.“ arbeitet auch mit erinnerungspädagogischen Bezüge und Materialien, um historische Tiefenschärfe herzustellen, ohne Gegenwartsdynamiken aus dem Blick zu verlieren, und nimmt dabei auch Regionen wie den Nahen und Mittleren Osten oder Südosteuropa in den Blick, um über Globalgeschichte und transnationale Erinnerung Anknüpfungspunkte für Jugendliche mit Migrationshintergrund zu schaffen. Gerade vor dem Hintergrund der starken Polarisierung in Bezug auf die Situation in Israel und den Palästinensischen Gebieten wird zudem bei der Bearbeitung von israelbezogenen Antisemitismen – auch unter Einbindung jüdischer israelischer sowie palästinensischer Bildungsreferent:innen – die Logik von Homogenisierung und Kollektivierung („die Juden“, „die Israelis“, „die Muslime“, „die Palästinenser“) irritiert und aufgebrochen und auf eine gemeinsame menschenrechtsorientierte Wertebasis fokussiert.
Ziel ist dabei immer, antisemitische Deutungsangebote zu entattraktivieren, indem sowohl kognitive Muster als auch die zugrunde liegenden Bedürfnisse und Emotionen (z. B. Streben nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Kontrolle oder Ängste und Unsicherheiten) bearbeitet werden – damit Teilnehmende alternative Deutungen, Ausdrucksformen und Handlungsmöglichkeiten entwickeln können.
Fortbildungsangebote für Fachkräfte an Schulen sowie in Jugendhilfe und Bildungsarbeit
Formate: Vortrag, Workshop, Film und Filmgespräch
Zeitrahmen: 90 Minuten, 3 Stunden, 6 Stunden
Themen: 1. Digitale Zeiten, globaler Antisemitismus. Aktuelle Erscheinungsformen antisemitischen „Wissens“ zwischen Memes, Chiffren und alt-neuen Narrativen
2. Antisemitismusprävention und historisch-politische Bildung in der Migrationsgesellschaft
3. Ticketdenken? Zu den strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Antisemitismus und Rassismus
4. Herausforderung Antisemitismus – Grenzen und Möglichkeiten der pädagogischen Arbeit
5. Vielerlei Perspektiven. Konträre Narrative und Erfahrungen der gleichen Realität in Israel und Palästina
6. Der „Nahostkonflikt“ als Herausforderung für die pädagogische Arbeit – Menschenrechtsorientierung und Werteintegrität in Zeiten von Polarisierung, fake news und Filterblasen
Workshops für Schüler:innen/Jugendliche ab 14 Jahren
Zeitrahmen: ab 4 Stunden
Themen: 1. Erkennen und Verstehen der Funktionsweise von Antisemitismus, Auseinandersetzung mit digitalen Bildern und Chiffren und Verschwörungslogiken
2. Annäherung an historische Traditionen von Antisemitismus und Rassismus, Auseinandersetzung mit Bildern, Stereotypen
3. Auseinandersetzung mit Widersprüchen und Perspektivvielfalt im israelisch-palästinensischen Konflikt, Dekonstruktion von Homogenisierungen und Kollektivzuschreibungen, Menschenrechtsorientierung vs. Doppelstandards
Web: https://www.hal-jw.de/irritationen
Mail: irritationen[at]hal-jw.de