Mitmachen statt Ausschließen: Hallesche Jugendwerkstatt sammelt Spenden für Schwimmkurse und mehrsprachige Rettungsschwimmer:innen
Sozialpädagogische Fachstelle soll Frauen und Mädchen mit Fluchtgeschichte das Schwimmen ermöglichen und Geflüchtete zu Rettungskräften ausbilden – eine pragmatische Antwort auf die Debatte um das „Heidebad“ und reale Bedarfe
Als Reaktion auf die bundesweit diskutierte Einlassregel des halleschen Heidebads startet die Hallesche Jugendwerkstatt gGmbH ein Spendenprojekt zur Finanzierung eines dreijährigen Projekts (hier klicken um zur Spendenseite zu kommen). Unter dem Motto „Nicht ausschließen. Befähigen.“ sollen geflüchtete Frauen und Mädchen schwimmen lernen und zudem Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte zu Rettungsschwimmer:innen ausgebildet werden. Das Spendenziel beträgt 144.000 Euro, die Laufzeit ist vom 1. August 2026 bis zum 31. August 2029 geplant.
Hintergrund ist eine Kontroverse, die seit Tagen bundesweit in Print- und Onlinemedien sowie auf Social Media für Schlagzeilen sorgt: Der Betreiber des Heidebads in Halle behält sich seit Kurzem vor, bei Gästen mit schlechten Deutschkenntnissen im Einzelfall zu prüfen, ob sie die Baderegeln verstehen – Anlass war ein Rettungseinsatz, bei dem ein Kleinkind aus metertiefem Wasser geholt werden musste. Die Stadt Halle hat den Betreiber aufgefordert, die Regel zurückzunehmen, und verweist darauf, dass das Hausrecht den öffentlichen Charakter des Bades nicht durch pauschale Einlassverbote für ganze Bevölkerungsgruppen aushebeln dürfe [1]; die DLRG hat sich vom Betreiber distanziert [2]. Am Samstag soll eine „antirassistische Demonstration“ vor dem Bad stattfinden.
Den Kolleg:innen der Jugendwerkstatt, die jeden Tag mit Migrant:innen und Geflüchteten arbeiten, und mehrheitlich selbst als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, stieß dabei auf, dass gerade vor allem über diese geredet wird. Sie wurden aktiv, um einen anderen Weg aufzuzeigen und zu ermöglichen, bei dem die realen Sicherheits- und Verständigungsprobleme, die in der aktuellen Kontroverse durchaus auch eine Rolle spielen, ebenso ernstgenommen werden, wie das Recht auf Teilhabe und Bäderbesuche ohne Pauschalisierung und Stigmatisierung und die Verhinderung struktureller Diskriminierung. „Pauschale Ausschlüsse sind der falsche Weg – aber wir wollen auch nicht reale Probleme kleinreden“, sagt dazu Abdulrahman Al Ibrahim, Sozialpädagoge bei der Halleschen Jugendwerkstatt gGmbH. „Wir wollen aus einer aufgeladenen Debatte eine konkrete, nachhaltige Lösung machen.“
Schwimmenkönnen ist eine Frage von Herkunft, sozialer Lage und Zugang
Die Ausgangslage ist gut belegt. Menschen mit Migrationshintergrund können rund doppelt so oft nicht schwimmen wie Menschen ohne (etwa 9 gegenüber 4 Prozent); während sich rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland als sichere Schwimmer einschätzen, sind es bei Personen mit Migrationshintergrund nur etwa 38 Prozent. Auch die soziale Lage entscheidet: In einkommensschwachen Haushalten kann ein deutlich höherer Anteil der Kinder nicht schwimmen. [3]
In den Frauengruppen der Halleschen Jugendwerkstatt wünschen sich geflüchtete Frauen seit fast zehn Jahren Schwimmkurse – in geschützten Räumen, niedrigschwellig, sprachlich zugänglich. Aber bisher fehlten dafür die Ressourcen: „Der Wunsch ist fast immer da – schwimmen zu können, sich sicher zu fühlen. Was fehlt, sind die Bedingungen: ein geschützter Ort und eine Schwimmlehrerin, mit der man sich verständigen kann. Teilhabe entsteht durch Zugang“, sagt dazu eine Kollegin aus der Halleschen Jugendwerkstatt, die selbst zugewandert ist.
Die Debatte um Konflikte in Bädern
Seit einigen Jahren begleiten wiederkehrende Sommerdebatten den Badebetrieb; Vorfälle in Berliner Bädern im Sommer 2023 etwa lösten Diskussionen um Migration, Gewalt und Polizeieinsätze aus. [4] Die Datenlage spricht jedoch gegen einfache Zuschreibungen entlang der Herkunft: Die Täterschaft ist vor allem männlich, und die Herkunft aus sozialen „Brennpunkten“ ist relevanter, als die Frage nach dem Migrationshintergrund – marginalisierte Jugendliche geraten eher in Peer- bzw. Gruppendynamiken, in denen Provokation und Aggression Anerkennung versprechen. Der Kriminologe Dirk Baier hält es auch daher für „absurd“, Unterschiede im Gewaltverhalten allein mit Staatsangehörigkeit oder ethnischer Herkunft zu erklären. [5] Deshalb setzt das Projekt gegen pauschalisierende Logiken einerseits und das Ignorieren von Bedarfen und Herausforderungen andererseits bei konkreten Bedarfen, bei Kommunikation und Verständigung sowie Befähigung an.
Was das Projekt leistet
Entstehen soll eine sozialpädagogische Fachstelle mit Rettungsschwimm- und Ausbildungskompetenz. Über drei Jahre verbindet sie Schwimmkurse, Wassergewöhnung, Baderegelvermittlung und Rettungsschwimmer:innen-Ausbildung. Frauen und Mädchen mit Fluchtgeschichte lernen in einem geschützten, sprachsensiblen Rahmen schwimmen; zugleich werden Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte zu Rettungsschwimmern und Rettugsschwimmerinnen qualifiziert, die in Bädern sprachlich, kulturell und sozial Brücken bauen, deeskalieren und im Notfall sicher handeln. Gerade in ostdeutschen Städten, in denen Migration ein vergleichsweise junges Phänomen ist, die Mehrheit der Migrant:innen geflüchtet sind und der Anteil Nichtschwimmender in den Communities hoch ist, sind solche Brücken wertvoll.
„‚Wir schaffen das‘ ist kein Automatismus“, sagt dazu Hans Goldenbaum, Bereichsleiter der Halleschen Jugendwerkstatt gGmbH. „Es geht um reale Dinge, reale Probleme. Einerseits um Herkunft aus Ländern, wo Bürger nichts wert waren, Gewalt herrschte und es keine öffentliche Infrastruktur gab – erst recht keine Schwimmkurse. Andererseits um das Ankommen in Deutschland unter Bedingungen von Segregation und strukturellen Hürden, die Ressourcenzugang einschränken und Teilhabe erschweren. Natürlich gibt es dann Herausforderungen und auch Konflikte in Hallen und Bädern – aber wollen wir nicht einfach versuchen, diese in kleinen Schritten praktisch zu lösen?“
Die Stadt Halle und die DLRG Halle-Saalkreis e.V. unterstützen das Projekt. Aufgrund der angespannten kommunalen Haushaltslage ist eine Finanzierung des Projektes aber nur über Spenden möglich.
Spenden sind ab dem 25.06.2026 möglich unter: https://www.betterplace.org/de/projects/181998-sicher-schwimmen-gemeinsam-retten
Quellen
[1] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/rein-darf-nur-wer-deutsch-versteht-stadt-fordert-strandbad-zur-rucknahme-von-einlassregel-auf-15748837.html;
https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/gesellschaft/id_101310442/heidebad-halle-stadt-kritisiert-deutsch-pflicht-als-diskriminierend.html
[3] https://www.dlrg.de/informieren/die-dlrg/presse/schwimmfaehigkeit/
[4] https://www.migazin.de/2025/09/04/gewalt-im-freibad-ein-vielschichtiges-problem/
